Der Alltag von Werner H. – MS Patient im Pflegeheim

image_pdfimage_print

 

Auch für den Kapitän zur See im Ruhestand Werner H. beginnt der Tag routiniert – und heute ist ein schlechter Tag. Er hat wieder einen Schub und seine MS (Multiple Sklerose) macht es ihm fast unmöglich, sich zu bewegen.

Sein ganzer Körper scheint wie gelähmt. Er hat es aufgegeben, sich zu wehren. Dieser Feind ist so übermächtig, dass er ihm in den letzten 20 Jahren auch das letzte bisschen Schneid abgekauft hat. Werner liegt nur noch da und starrt aus dem Fenster in den Garten. Heute erkennt er mal wieder fast nichts. Er ist auch schon so lange wach, dass er jedes Gefühl für die Tageszeit verloren hat. Schwester Milena erkennt er beim Hereinkommen nur an ihrer Stimme. Sie trägt einen Arm voller weißer T-Shirts und legt sie ihm in seinen Schrank. Nein, er kann nicht wirklich sehen, dass es sich um T-Shirts handelt, aber was sollte es sonst sein? Mehr trägt er ja nicht mehr.

Für einen Moment muss er vor Scham die Augen schließen. Wie tief kann ein Mensch sinken? Ein erwachsener Mann, der mehr oder weniger den ganzen Tag im Bett liegt, nur mit einer Unterhose und einem T-Shirt bekleidet. Selbst an den guten Tagen. Er hat längst jedwede Achtung vor sich verloren. Kein Wunder, das Anneliese ihn verlassen hat und seine Jungs hat er auch schon ewig nicht mehr gesehen. Verbittert kneift er die Augen zusammen. Die Krankheit hat ihm das angetan. Dann lässt er die Anspannung wieder entweichen – es ist doch eh alles egal.

Widerstandslos lässt er Schwester Milena ihre Arbeit machen. Sie wechselt seinen Katheterbeutel und hängt einen frischen ans Bettgitter. Sie zieht ihm so vorsichtig wie sie kann das T-Shirt aus, aber für ihn ist es eine einzige Qual. Die steifen Glieder wollen einfach nicht recht funktionieren und jede Bewegung schmerzt trotz hochdosierter Medikamente so sehr. Die Arme gleichzeitig zu heben, der enge Halsausschnitt und dann auch noch das Hin und Her, ehe das T-Shirt wieder in Position gezogen ist, es ist einfach furchtbar, aber klagen tut er wie gesagt schon lange nicht mehr.

Während Milena sein Bettzeug aufschüttelt, blickt er an sich herunter. Weißes T-Shirt, Unterhose, die dürren, nackten Beine. Er muss erneut die Augen schließen. Wie würdelos, am liebsten würde er schreien, aber dann ergibt er sich einfach wieder – es ändert ja eh nichts. Heute ist eben wieder ein besonders schlechter Tag. Er lässt sich umlagern und versucht nicht darüber nachzudenken, wie albern er aussieht. Aber was sollte er auch anziehen? Seine viel zu weiten Hosen, die noch im Schrank hängen? Und wer sollte ihm neue kaufen? Es ist ja schon nett von der Hauswirtschafterin, dass sie ihm wenigstens hin und wieder diese weißen T-Shirts besorgt.

Er seufzt und wartet, bis endlich wenigstens wieder die Decke über ihn gedeckt wird. Dann starrt er weiter vor sich hin. Endlich wieder allein, bis der nächste Pfleger kommt.

Es ändert sich was

Die Haushaltshilfe, die ihm sonst seine T-Shirts besorgt, ist zur Zeit in ihrem wohlverdienten Urlaub. Statt dessen kommt ein junger Mann, Theo, schwungvoll in sein Zimmer und erklärt ihm flott, dass er der Neue sei und sich heute um ihn kümmert. Was liegt an?

„T-Shirts“, brummelt Werner, „weiße.“ Dann dreht er sich zur Wand. Theo runzelt zunächst die Stirn, zieht sich aber stumm zurück. Nach fünf Minuten ist er allerdings schon wieder da – und zwar mit seinem Tablet-PC.

„Dann zeigen Sie mir mal, welche Sie haben wollen, Kapitän.“

Zunächst ist Werner etwas genervt, dass er sich nun mit der Bestellung selbst befassen soll. Widerwillig lässt er sich helfen, sich im Bett aufzusetzen und bekommt das Tablet auf den Schoß.

Der junge Mann hat bereits eine Seite aufgerufen, auf der diverse Shirts angezeigt werden – bloß keine langweiligen weißen. Werner grunzt, aber ehe er sich wirklich wehren kann, zeigt Theo ihm anhand eines kurzen Videos, wie diese Shirts mit wenigen Handgriffen von vorn anzuziehen sind und trotzdem am Rücken komplett schließen. Werners Neugier ist geweckt und er guckt interessiert weiter. Mit dem Kinn deutet er auf den Menüpunkt Hosen. Theo hat schon verstanden und führt ihn nach und nach virtuell durch das gesamte Sortiment. Werner kann gar nicht glauben, wie groß die Auswahl ist und wie klug durchdacht die Schnitte der einzelnen Teile sind. Gemeinsam wählen sie verschiedene Hosen, Shirts und Pullover aus. Vor Aufregung kann Werner in dieser Nacht nicht schlafen.

Nach kürzester Zeit kommt sein Paket an und Theo packt für ihn aus. Die Sachen sehen in natura wirklich noch besser aus, als auf dem Photo. Glücklicherweise ist heute ein guter Tag und das bisschen, was Werner an Bewegung unterstützen kann, macht er heute gern, denn das Ankleiden geht Theo dank der großen Öffnungen und Einstiege flott von der Hand, und Werner braucht sich weder zu quälen noch aufzustehen. Am Ende blickt er an sich herunter und muss hart schlucken.

„Sehr schnieke, Herr Kapitän“, sagt Theo und salutiert zum Spaß. Werner kann sich ein Lächeln nicht verkneifen. Treffender hätte er es nicht ausdrücken können.

Fazit:

Wie wichtig die Wahl des Outfits ist, wird vielen erst bei entscheidenden Anlässen und Situationen klar – nämlich wenn etwas sich verändert hat. In Phasen einer kleinen Krankheit, wie einer Grippe, überwinden wir die Zeit zuhause mit bequemer Kleidung und schätzen die Entspannung dabei.

Menschen mit dauerhaften Problemen und Einschränkungen, die von Krankheit und Alter geprägt sind, haben oft die Fähigkeit verloren, sich selbst zu Kleiden und sich beim Ankleiden und in ihrer Kleidung wohl zu fühlen. Das Ankleiden gestaltet sich für Bettlägrige und Senioren beschwerlich, denn es ist oft mit Schmerzen, Stress verbunden und gipfelt nicht selten in Selbstvernachlässigung.

Großartig ist, dass egal, wie das Krankheitsbild oder die körperliche Beeinträchtigung aussieht, mit der barrierefreien Kleidung von Tamonda Pflegemode kann jeder Pflegebedürftige und Patient zu Freude an Mode und Kleidung zurückfinden. Wenn endlich schmerzfrei umgekleidet werden kann und das Ergebnis am Ende mit Schick überzeugt, dann sind alle Beteiligten zufrieden.

(Alle Ähnlichkeiten mit Lebenden und Verstorbenen sind deshalb rein zufällig und nicht beabsichtigt.)

 

Teile diesen Beitrag:

Über den Autor

Das Pflegemode-Team ist eine Gruppe von erfahrenen (Bekleidungs- und Pflege-)fachleuten. Aus unseren Erfahrungen teilen wir mit Ihnen die Tipps und Möglichkeiten, wie Sie und Ihre Liebsten, älteren Eltern, Patienten und Rollstuhlnutzern einen komfortablen und würdevollen Lebensstil erhalten.  Wenn in verschiedenen Situationen Behinderung und Alter das Ankleiden erschweren, können wir mit Ihnen gemeinsam herausfinden, wie Sie das Beste aus Ihrem Leben machen können.

Empfehlen Sie Tamonda Pflegemode an Angehörige und Kollegen, Freunde und Familien, die jeden Tag einen lieben Menschen umsorgen!

1 Gedanke zu „Der Alltag von Werner H. – MS Patient im Pflegeheim“

  1. Guten Tag,!Weder auf den teuersten Privatstationen der Krankenhäuser ist ein Pflege-Nachhemd üblich,sondern nur das berühmt-berüchtigte Flügelhemd (Po frei!), noch setzt man zur Erleichterung für Pflegende und Pflegebedürftige in Heimen auf funktionsgerechte Kleidung. Mehr noch: Im Gegensatz zu den Krankenhäusern, gibt es in Pflegeheimen keine Erleichterungen für Privatpatienten, denn im Heimen gibt es keine Privatpatienten.Die tägliche Quälerei beim Anziehen kommt einer Folter nahezu gleich. Von Würde keine Spur!

    Antworten

Schreibe einen Kommentar